Von wegen Symbol für Armut

Unterstützt von der „TUI Care Foundation“ verbessert eine Niederländerin das Leben junger Marokkaner in Marrakesch – per Fahrrad

Marrakesch ist der Inbegriff des orientalischen Flairs: Wie bei einer Fata Morgana schmiegen sich entlang der marokkanischen Millionen-Stadt saftig grüne Palmenhaine an die schneebedeckten Gipfel des Atlasgebirges. Innerhalb der Stadtmauern finden Besucher den Trubel exotischer Märkte samt Schlangenbeschwörern und Feuerschluckern sowie Ruheoasen herrschaftlicher Paläste, Gärten und Innenhöfe. Doch die „Perle des Südens“, wie die rot schimmernde Stadt genannt wird, hat auch ihre Kehrseiten: insbesondere hohe Arbeitslosigkeit, vor allem unter jungen Leuten, und die Abgase eines zügellosen Verkehrs. Ein privates niederländisches Projekt, unterstützt von der „TUI Care Foundation“, stellt sich diesen Herausforderungen – bereits mit beachtlichem Erfolg. Es bietet Arbeitsplätze, neue Perspektiven und trägt zu einem Umdenken für ein umweltfreundliches Fortbewegen bei. Marrakesch könnte vielleicht schon in naher Zukunft zur ersten Fahrradmetropole Afrikas werden.

„Pikala“ nennt sich das Projekt. So heißen Fahrräder in der arabischen Umgangssprache Marokkos. Die junge Niederländerin Cantal Bakker hat die Initiative 2016 zusammen mit zwei Bekannten ins Leben gerufen. Typisch für eine Niederländerin ist das Fahrrad schon eine lebenslange Leidenschaft für Bakker. Natürlich fuhr sie während eines Marrakesch-Urlaubs mit einem Fahrrad durch die frühere Königsstadt – und stellte überrascht fest, wie exotisch sie damit auf viele Einheimische wirkte. „Kann ich das ausprobieren, kann ich das kaufen?“, wurde sie mehrmals gefragt. Fährräder gehören in Marokko nicht gerade zu den üblichen Fortbewegungsmitteln – sie sind eher ein Symbol für Armut. Warum ein unmotorisiertes Zweirad benutzen, wenn man sich ein Auto leisten kann? In Marrakesch sowie in anderen marokkanischen Städten bestimmen neben dem Automobil und Bussen vor allem ungezählte Motorräder und -roller das Straßenbild. Auch aufgrund schlecht gewarteter und alter Motoren sind der CO2-Ausstoß und die Belastung für die Luftqualität durch den Verkehr hoch.

Cantal Bakker kam erst ins Grübeln und bald zu einer Idee. In ihrer niederländischen Heimat arbeitete sie bereits in einem Hilfsprojekt, in dem sie Einwanderern das Fahrradfahren beibrachte. Warum also nicht auch die Marokkaner für die Drahtesel begeistern? Mit ihrer Idee ging die 26-Jährige regelrecht Klinkenputzen: bei Behörden, Hilfsorganisation und in Schulen. „Anfangs hat wohl niemand gedacht, das könnte was werden“, lacht sie. Aber als 2016 die UN-Klimakonferenz COP22 in Marokko stattfand, erhielt ihre Fahrrad-Initiative einen gewaltigen Schub. Aus Anlass dieser Konferenz wurde aus der Idee ein handfestes Projekt. Gefördert von der niederländischen Botschaft stellte „Pikala“ mitten in der Stadt einen alten Container auf und funktionierte ihn zu einer Fahrradwerkstatt um – lange Schlangen bildeten sich davor.

Auch schon Arbeit geschaffen

Inzwischen ist das Projekt deutlich gewachsen. Cantal Bakker ist nach Marrakesch übergesiedelt, der Container bildet immer noch die Basis. Dort warten Dutzende von Fahrrädern auf Nutzer – allesamt Spenden aus den Niederlanden. „Wir haben wohl auch die ersten Gruppenfahrräder in Marokko“, berichtet Bakker. Die Fahrräder versetzen ihre Iinitiative in die Lage, die Angebote und Aktivitäten nach und nach auszuweiten. Neben der Fahrradwerkstatt bietet „Pikala“ nun auch touristische Führungen auf dem Fahrrad und macht Lobbyarbeit für das Zweirad als umweltfreundliche Alternative zu Autos und Motorrollern. Ein weiterer Meilenstein in der Entwicklung: Inzwischen fördert die „TUI Care Foundation“ das Projekt. Die Stiftung des weltweit führenden Reiseunternehmens initiiert weltweit Partnerschaften und Projekte mit dem Ziel, Chancen für junge Menschen zu schaffen und einen Beitrag zur positiven Entwicklung von Urlaubszielen zu leisten. „Pikala“ wurde von „TUI Care“ insbesondere deshalb als Partner ausgewählt, weil das Projekt berufliche Perspektiven für junge Menschen bietet. „Pikala verbindet Umweltfragen mit den sozialen Herausforderungen des Landes“, betont Thomas Ellerbeck, Vorsitzender des Kuratoriums der „TUI Care Foundation“.

Durch die Partnerschaft kann „Pikala“ mittlerweile rund 90 jungen Marokkanerinnen und Marokkanern Berufschancen eröffnen, immerhin 36 davon sind schon fest eingestellt. Sie sind als Touristenführer, Mechaniker oder etwa im Marketing tätig. „In Marokko sind 22 Prozent der jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren arbeitslos, weniger als 15 Prozent der eingeschulten Kinder verlassen die Schule mit dem Abschluss einer weiterführenden Schule“, erklärt Ellerbeck. Bei „Pikala“ lernen die jungen Leute auch, eigenständig zu handeln. „Wir unterstützen sie dabei, ihr Leben selbstständig zu organisieren und Verantwortung zu übernehmen“, beschreibt Bakker. „Wir ermutigen sie, eigene Ideen zu entwickeln.“ Gerade für Frauen öffnet „Pikala“ Wege: Es gibt Fahrradunterricht speziell für Mädchen sowie Frauen und Fahrradführungen werden von ebenso vielen jungen Frauen wie von jungen Männern durchgeführt – sehr ungewöhnlich für Marokko, wo solche Touristentouren noch eine Männerdomäne sind.

Urlauber können helfen

Die Organisatoren sehen reichlich Potenzial: Marrakesch ist flach und seine Altstadt, die Medina, nur zu Fuß oder eben auf dem Fahrradsattel erkundbar. „Pikala“ will aber nicht nur auf die magische Stadt  im Südwesten von Marokko begrenzt bleiben: „Gemeinsam mit der TUI Care Foundation wollen wir die marokkanische Jugend inspirieren und unser Projekt auch in anderen Städten anbieten“, sagt die Gründerin Bakker. Ihr Projekt zeigt, dass Tourismus mehr ist als schöne Strände und Sonne. Er hat das Potential, die wirtschaftliche und soziale Entwicklung von Ländern zu fördern. An Reisende, die nach Marakkesch kommen, appelliert Bakker deshalb: „Urlauber, die mit Pikala eine Fahrradtour buchen, schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe. Zusammen mit unseren Stadtführern erkunden sie Marrakesch, auch außerhalb der Medina. Und gleichzeitig unterstützen sie junge Marokkaner dabei, sich eine eigene, bessere Zukunft zu bauen.“